Berliner Alltag XLIII - Das ist der Frühling von Berlin

Ein langer Winter liegt nun hinter uns. Jeder, ob Mensch, Tier oder Pflanze, sehnt innig die warmen Temperaturen des Frühjahrs herbei, nach Monaten grauen Schneematsches und gefährlich glatter, vereister Straßen. Kaum lugen die ersten Sonnenstrahlen verstohlen hinter den Wolken am Himmel über Berlin hervor, so laufen sie sofort alle ins Freie und bevölkern die Stühle auf den Gehwegen vor den Cafés. Überall scheint man wieder zu turteln und Hand in Hand durch die Stadt zu schlendern, wie überhaupt alles, was kreucht und fleucht, mit einem Mal aus einer undefinierbaren Art partieller Winterstarre aufgewacht sein muss. Auch selbst fühlt man sich mit einem Mal befreiter, unbeschwerter auf den Straßen. (Liegt vielleicht auch daran, dass der vorher so bitter nötige Wintermantel doch ein ganz schön schweres Ding gewesen ist.)

Und was macht ihn nun besonders, den Frühling von Berlin? Nun, erst einmal ist es die bereits erwähnte Tatsache, dass auf einmal allüberall Liebespaare umher wandeln – das gibt es nämlich in anderen Jahreszeiten so gut wie gar nicht in Berlin. Selbstverständlich wurde und wird dieses Phänomen sogar besungen – von wem, wenn nicht von Walter Kollo, dem Altmeister alles Berlinerischen? In seinem Lied „Das ist der Frühling von Berlin“ aus der Operette „Die Frau ohne Kuss“ heißt es: „Und wer kein Mädel hat / Dem hilft nur eine Stadt / Das ist Berlin, das ist Berlin!“ Zur Frühjahrszeit könnte man diesen Worten wirklich glauben. (Aber tatsächlich nur dann!)

Ansonsten hat der Berliner Frühling ganz eigene Reize, wie sie in jeder Stadt unterschiedlich auftreten. Ob man das Naturerwachen im Botanischen Garten mitverfolgen oder sich an den hübschen Auslagen in den Schaufenstern und Vitrinen rund um den Kurfürstendamm erfreuen will; ob man nun eher die Volksparks wie in Kreuzberg, Schöneberg und Friedrichshain bevorzugt oder doch eher das aufs Neue pulsierende und wallende Leben auf dem Hackeschen Markt observiert; ob man auf die nun über und über grüne Pfaueninsel schippert und dort unter lauschigen Laubengängen lustwandelt, oder vom Telecafé im Fernsehturm aus den Rundblick auf die zu neuem Leben erweckte Hauptstadt genießt – er lässt niemanden kalt, der Frühling von Berlin. Alles scheint wieder neuen Schwung gewonnen zu haben, die Menschen wirken dynamisch und irgendwie auch sympathisch im Lichte der mit wieder zurück gewonnener Kraft strahlenden Sonne. Es ist ein neues Gefühl, durch die verwandelten Straßenfluchten der Hauptstadt zu laufen.

Und ist es erst einmal Mai, so fährt man hinaus nach Schöneberg und schwelgt in den alten Erinnerungen von Marlene Dietrichs Evergreen „Das war in Schöneberg“, dessen Leichtigkeit und Süße des Lebens an jenem Ort noch immer präsent wie damals (einst im Mai, welch passende Sprichwortanwendung!) zu sein scheint. Ohne eine erdrückende Touristenflut wie in Mitte, ohne dominierendem schwäbischem Akzent auf den Straßen wie in Prenzlauer Berg, ohne die ja ach so alternativen Wandschmierereien wie in Friedrichshain und Kreuzberg – nein, einfach ein schöner, alter Ortsteil, dessen einstiger Glanz noch immer nicht ganz verblasst ist. Und in welchem, vor allem, der Frühling auch ein Frühling ist, trotz Großstadt und starkbefahrener Verkehrsachse. Diese wunderbare Jahreszeit, von der alles durchsetzt ist, spürt man dort an jedem Fleck, ganz gleich, ob man zum ruhigen Winterfeldtplatz und weiter zu der angenehm gepflegten Anlage am Viktoria-Luise-Platz spaziert oder lieber einen Abstecher in den Volkspark Schöneberg (Vorsicht, am Ententeich könnte es durch das Geschnatter etwas lauter werden!) unternimmt.

Doch wo auch immer man nun seinen Frühling von Berlin verbringt, der Zauber der Stadt ist in jedem Falle überall zu spüren. Und will man dann doch noch einen anderen Bezirk bei dem schönen Wetter erkunden, so geht auch das. Es sind ja oft nur ein paar U-Bahn-Stationen.

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